Die Hörbuchauszeichnung des Seminars für Allgemeine Rhetorik der EBERHARD - KARLS - UNIVERSITÄT TÜBINGEN
Hörbuch des Monats Mai 2005
E. T. A. Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig
Wer sprechen lernen will, muss früh damit anfangen. In der antiken Bildungswelt war das selbstverständlich. Die Mutter eines kleinen Römerjungen achtete bei der Auswahl der Amme darauf, dass sie ein gutes Latein sprach, später wurde der Sprössling in die Schule eines Schauspielers geschickt, um das wirkungsvolle Reden zu lernen. In unseren Erziehungsinstitutionen gibt es nichts Vergleichbares, unsere Kinder verlassen die Schule als Sprech- (und übrigens auch Hör-) Krüppel – die Folgen sind für jeden überall vernehmbar, sofern er Ohren hat zum Hören und sie nicht in der Nachttischschublade verschlossen hat. In diesem Kontext ist es ein beispielloses, hoffentlich beispielgebendes Projekt, das Conny Wolter mit ihrem Kindersprecherensemble in Halle vor fünf Jahren begründet hat. Bis zu 30 Kindern im Alter zwischen 6 und 17 Jahren umfasst die Gruppe; sie hat Ende des vergangenen Jahres E. T. A. Hoffmanns Märchen vom „Nussknacker und Mausekönig“ als Hörspiel verwirklicht. Die Hörspielfassung stammt von Conny Wolter, die als Schauspielerin, Sprecherin und Regisseurin eine große Erfahrung mitbringt. Das Ergebnis kann sich in mehrfacher Hinsicht hören lassen. Die komplexe Handlung ist so gestrafft, dass sie auch kindliche Hörer mühelos verfolgen können, doch geht auch nichts Wesentliches verloren. Das für E. T. A. Hoffmann typische Changieren der Handlung zwischen Märchenton und nächtlichem Schrecken, zwischen Heimlichem und Unheimlichem, der plötzliche Umschlag ins Grauenvolle, wenn die lebendig gewordenen Spielzeugfiguren (im Film ein Horror-Stoff bis heute) von dem unübersehbaren Heer des siebenköpfigen Mäusekönigs angegriffen werden – dieses Wechselbad der Gefühle, für jeden Sprecher eine große Herausforderung, wird von den kindlichen Stimmen virtuos, emotional immer glaubwürdig und durchaus schon erfahrungskundig in Szene gesetzt – schließlich sind es ja kindliche Sensationen, die Hoffmann in seinem Märchen verarbeitet hat. Auch die erwachsenen Figuren wie der Pate Drosselmeier, der die ganze Maschinerie in Bewegung setzt, agiert souverän und der Rolle angemessen. Einzelne von den 25 beteiligten Mitgliedern des Ensembles hervorzuheben würde der beeindruckenden Gesamtleistung nicht gerecht, doch mag eine Ausnahme gestattet sein: Lucie Telemann gibt der Hauptfigur Marie die stimmlichen Konturen einer frühen Alice im Wunderland, und das Wunderbare wie das Spukhafte, das Mitziehende wie das Erschreckende spiegeln sich in ihrer Rede auf mal anrührende, mal aufregende Weise.
E. T. A. Hoffmann: „Nussknacker und Mausekönig“. Hörspielfassung: Conny Wolter. Gelesen vom Kindersprecherensemble nahörmal. 2 CDs. 2004
Jurymitglieder: Prof. Dr. Gert Ueding, Prof. Dr. Joachim Knape, Peter Weit, Boris Kositzke, Olaf Kramer